Der Krimimann

Homepage des Autors Thomas Pfanner


Die Zukunft, mal wieder.  Die Welt ist kaputt, die beiden Protagonisten auch. Ein Wettrennen beginnt: Geht die Welt endgültig hops, oder schaffen  die beiden Helden die Rettung in letzter Sekunde? Und will man das überhaupt, angesichts der zweifelhaften Methoden?

 

Aktuell nur als E-Book erhältlich. Das KrogiTec-Komplott.  Hier wieder mit einem Kracher als Anfang, aber das Ende finde ich besonders gelungen. Das Ende offenbart, dass man die ganze Zeit einer zweiten Geschichte gefolgt ist.

 

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Prolog

 

Die Angst machte die Luft in der Kabine noch stickiger. Es stank regelrecht nach Panik. Als ob dies noch nicht genug wäre, vereinigten sich zahlreiche unterdrückte Rufe mit dem vielstimmigen Weinen der Frauen und Kinder zu einer ganz und gar unheilvollen Geräuschkulisse. Der kleine gedrungene Mann am Fenster schürzte angewidert die Lippen und schaute nach draußen, um nicht zu sehr mit dem ganzen Elend konfrontiert zu werden. Auch dort nur Nebel und Dunkelheit. Er seufzte aus tiefstem Herzen und stellte sich der Erkenntnis, dass er die Unausweichlichkeit der Situation nicht weiter ignorieren konnte. Zutiefst verärgert spürte er beinahe körperlich, dass die ganze Angelegenheit wieder einmal an ihm hängen bleiben würde. Niemand sonst besaß die Entschlossenheit, den Überblick und die richtige Ausbildung, um ihn herum nur elende Amateure, die sich hemmungslos den verschiedensten Spielarten menschlichen Versagens hingaben, von der einfachen Panik bis zum völligen Durchdrehen. Er wandte den Kopf und betrachtete die Szenerie nun ernsthaft und erstmals unter taktischen Gesichtspunkten. Die relativ enge Kabine der Boeing Supercruise ließ nur Platz für sieben Sitzreihen, zwei an jeder Seite und drei in der Mitte. In den beiden Durchgängen patrouillierten die Entführer. Tief vermummt gestikulierten sie mit ihren Maschinenpistolen, eilten hektisch hin und her, immer auf der Suche nach möglicherweise aufflammendem Widerstand. Sie packten hier und da einzelne Menschen an den Haaren und zeigten mit ihren Waffen auf die Köpfe ihrer Opfer, steigerten dergestalt unablässig Angst und Panik bei den Passagieren, und dadurch wiederum ihre eigene Unsicherheit. Die Eskalation schraubte sich unaufhaltsam ihrem Höhepunkt entgegen. Kühl schätzte er die verbleibende Zeit auf weniger als fünfzehn Minuten. Bis dahin würden ein paar Passagiere durchdrehen, schreiend aufspringen und einen sinnlosen Fluchtversuch in die Arme schießender Terroristen unternehmen, der mit ihrem unverzüglichen Ableben enden musste. Oder einer der Bewaffneten verlor die ohnehin kaum noch vorhandene Geduld und zündete die an einer der Türen befestigte Bombe, oder sie flogen alle zusammen in ein Hindernis, einen letzten Fluch auf den Lippen.

In dem sich langsam steigernden Durcheinander versuchten drei Flugbegleiterinnen mit letzter Kraft, beruhigend auf beide Seiten einzuwirken, dabei sehr bemüht, selbst nicht die Nerven zu verlieren. Der kleine Mann schaute unbewegt umher, ließ einige Sekunden lang diese nahezu perfekte Choreographie aus menschlichen Schwächen und Bösartigkeiten auf sich wirken, dann fügte er sich in das Unvermeidliche, seufzte noch einmal inbrünstig und machte sich bereit. Er fasste eine der Flugbegleiterinnen ins Auge. Schwankend näherte sie sich seinem Platz, unsicher mit einer Kanne Saft und ein paar Bechern balancierend. Wie konnten diese fliegenden Kellnerinnen nur annehmen, einen verblendeten Fanatiker mit Orangensaft besänftigen zu können? Unwirsch winkte er sie heran. Fast dankbar kam sie die paar Schritte zu ihm hin und beugte ihr wächsernes Gesicht herunter, so dass er die abstoßende Mischung aus teurem Parfum und kaltem Schweiß auch wirklich gut riechen konnte. Er verzog das Gesicht, umklammerte ihr eiskaltes Handgelenk und unterstützte durch einen kräftigen Druck seine eindringliche Aufforderung: »Bringen Sie mir das Piloten-Handbuch für diese Maschine.«

Die Stewardess blickte ihn entsetzt an, Schweiß tropfte von ihrer Stirn auf seinen Schoß, die Augen versuchten, nach hinten zu den Entführern zu sehen, die Trinkbecher tanzten auf dem Tablett. Die Angst zwang sie fast zu Boden, was jedoch nicht weiter auffiel, da allen anderen Anwesenden ähnlich zumute war. Die Passagiere, das Personal, sogar die Entführer, alle lösten sich langsam in Angst und Panik auf. Bis auf den kleinen Mann und seine Begleiterin. Die Stewardess schien sich in eine Art Starre flüchten zu wollen, sah ihn nur groß an und bibberte vor sich hin. Er rollte mit den Augen, blies genervt die Luft durch die Backen und wiederholte mit Ärger und scharfer Betonung: »Bringen Sie mir das verdammte Buch, in dem drinsteht, wie dieser Vogel geflogen wird. Tun Sie es schnell, sonst sterben wir alle. Los doch!«

Mit schnell hin und her wandernden Bewegungen der Augäpfel versuchte die Stewardess, einen Grund zu finden, aus ihrer Starre auszubrechen. Das Zittern verstärkte sich, vom hinteren Teil der Maschine nahte unverständliches Geschrei und die Frau neben ihm sah den Zeitpunkt für gekommen, sich einzumischen:

»Machen Sie es, er versteht was davon«, sprach sie fast sanft mit dunkler Stimme, und als hätte sie

damit einen Schalter umgelegt, kam Leben in die Stewardess, die sich abrupt umdrehte, dabei zwei Becher verlor, und wie ein Roboter dem Cockpit entgegen strebte, nirgendwo anders hinsehend wie zur Tür, hinter der das Verlangte lag. Die Frau auf dem Nebensitz sprach ihn an, ohne sich zu ihm umzudrehen: »Etwas mehr Einfühlungsvermögen könnte nicht schaden, Uslar. Wenn die Kleine einen Fehler macht, sehen wir ganz schön dumm aus. Du solltest zusehen, die Aktion hier ohne Probleme durchzuziehen.«

Der kleine Mann schüttelte nur in der ihm ureigenen Form von Fassungslosigkeit den Kopf und antwortete in der Art, in der Lehrer zum hundertsten Mal den Dativ erklären: »Johimbe! Wenn du immer alles besser weißt, warum machst du es nicht gleich selbst? Ich arbeite daran, uns beiden den Hintern zu retten, ein wenig Hilfe deinerseits könnte da wirklich nicht schaden. Immerhin sollen wir aufgrund der absolut nicht nachvollziehbaren Gedankengänge unseres geliebten Chefs als eine Art Team zusammen arbeiten. Aber statt dessen sitzt du reglos in deinem Sessel und denkst vermutlich in melancholischer Weise an unbeschwerte Kindertage zurück.«

Die Frau atmete so scharf ein, dass ihre sehr eng geschnittene Oberbekleidung bedrohlich knirschte und sah den mindestens einen Kopf kleineren Mann nun mit blitzenden Augen von oben herab doch noch an: »Wie du sehr wohl weißt, hatte ich nicht einen einzigen unbeschwerten Kindertag. Und genau deshalb werde ich auch niemals melancholisch, was du aber auch weißt. Was mich aber unheimlich auf die Palme bringt, ist deine unterirdische Selbstgefälligkeit, mit der du uns alle in Gefahr bringst. Du solltest wenigstens ansatzweise die Panik der Passagiere nachahmen, sonst wird diesen unglaublich hirnlosen Entführern am Ende doch noch auffallen, wer da neben mir sitzt.«

Uslar formte die Lippen zu einem lautlosen Blablabla, wischte sich jedoch sofort die Pose vom Gesicht, als die Stewardess herankam, mit starrem Blick an ihnen vorbei sah, staksig vorbeiging und im Gehen das kleine Handbuch ansatzlos aus dem Handgelenk in ihre Sitzreihe warf. Uslar fing es mit einer erstaunlich schnellen Bewegung in der Luft auf und ab da nahm er nichts mehr wahr. In den nächsten Minuten spielte sich eine unwirkliche Szene ab. Uslar hielt das Handbuch verkrampft auf seinem Schoß fest und versenkte sich mit höchster Konzentration darin, sah sich jede Seite etwa vier Sekunden lang an, schloss für weitere vier Sekunden die Augen, blätterte dann mit einer heftigen Bewegung um und las wiederum vier Sekunden. Dabei pendelte sein Oberkörper sanft vor und zurück, der Rücken krümmte sich, als ob er das Buch umzingeln wollte, und erst jetzt begann er zu schwitzen. Vorne am Cockpit entstand ein Tumult, als der Pilot in die Kabine gezerrt, von einem der Attentäter niedergeschlagen, mehrmals getreten und schließlich angespuckt wurde. Das allgemeine Gejammer steigerte sich zusehends zu einem entsetzlichen Geheul, was die Bewaffneten wiederum noch stärker unter Stress setzte. Ein Blick auf ihren Nebenmann brachte Johimbe die Erkenntnis, dass es knapp werden könnte, wenn sie das Ende seiner Studien abwartete. Niemand konnte vorhersagen, wann dessen von autistischer Konsequenz geprägte Lernphase abgeschlossen sein würde. Sie entschloss sich, in Anbetracht der kritischen Situation nun doch zu handeln. Kühl wog sie ihre Chancen ab. Zwei Mann vorne am Cockpit, einer hinter ihr. Sie sah keine Probleme. Sie wartete, bis der Mann von hinten an ihr vorbei wollte, und erhob sich ganz langsam. Der Vermummte drehte sich zu ihr um, hob die Waffe, um mit dem Kolben auf sie einzuschlagen, hielt jedoch unvermittelt inne. Johimbe sah ihm tief in die Augen, was für den Mann schon ein echtes Schauspiel darstellte, da sie einerseits den kleinen, stämmigen Araber sicher um zwanzig Zentimeter überragte, andererseits über außerordentlich große und ausdrucksstarke hellblaue Augen verfügte. In Höhe seiner Augen steckte sie eine Hand in die Lücke zwischen den beiden Knöpfen, die versuchten, ihren perfekt runden Busen in das leicht militärisch wirkende Hemd zu pressen. Als sie mit dem Daumen einen dieser Knöpfe aufschnippte, war die Hypnose fast komplett, das Sturmgewehr begab sich auf den Weg nach unten. In diesem Augenblick begannen die Probleme. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie vorne beim Cockpit einer der Attentäter seine Waffe fallen ließ, in sein Hemd griff, ein Messer herausriss und es in einer schnellen Bewegung dem am Boden liegenden Mann in den Hals stieß. Allgemeines Geschrei vermochte den jubelnden Kampfruf des Mörders nicht zu übertönen. Der von ihr hypnotisierte Mann zwinkerte, die Augen begannen, sich wieder scharf zu stellen, keine Zeit mehr. Entschlossen ließ sie ihre Hände nach vorne zucken und zerdrückte dem Mann mit dem brutalen Griff beider Daumen den Kehlkopf, bemächtigte sich der Waffe des mit ungläubigem Staunen in den Augen Fallenden, drehte sich mit der erbeuteten AK77 um, zielte und drückte ab. Nichts! Sie bemerkte nicht unerschrocken, dass offensichtlich eine spezielle Sorte Attentäter über diese Erde wandelte, die im Einsatz die Waffe sicherte. Die beiden Anderen beim Cockpit sahen von ihrem Opfer hoch, die Befriedigung über das gerade angerichtete Blutbad wich einer spontanen Verärgerung und sie begannen, ihre Sturmgewehre auf das neue Ziel zu richten. Das umlegen eines Sicherungshebels dauert hingegen nicht annähernd so lange wie das greifen und hochreißen kompletter Gewehre, ein kurzen Feuerstoß und die beiden Männer kippten, von hervorspritzendem Blut umrahmt, nach hinten. Unglücklicherweise starb auch eine Stewardess, die sich zu dicht am Geschehen befand, zufällig diejenige, die ihnen das Handbuch geliefert hatte. Doch das bekümmerte Johimbe nicht weiter, eher schon der Umstand, dass einige Geschosse die Außenhaut der Maschine durchschlagen hatten und nun ein scharfes Pfeifen das Absinken des Kabinendrucks signalisierte. Ärgerlich warf sie die Waffe hin und wandte sich an den Mann, der völlig unberührt von allen Geschehnissen weiter die Seiten des Handbuchs in sich aufsog: »Uslar, beweg dich, es wird ernst.«

Er beachtete sie nicht, stierte nur auf das Buch und pendelte mit dem Oberkörper. Sie sah zu den Passagieren, Panik griff um sich, einige Leute liefen durch die Gänge, um sich die Toten anzusehen, dabei mit denen zusammenstoßend, die von den Toten weg zu den Toiletten strebten. Johimbe musste jetzt handeln, sonst würden die schmalen Gänge zwischen den Sitzreihen verstopft sein von Menschen, die auch auf ihren Kommando-Ton nicht mehr hören würden. Kurz entschlossen schnappte sie sich Uslar, griff mit beiden Händen unter seine Arme und trug ihn vor sich wie ein kleines Kind, das sich gerade bis zum Stehkragen voll gemacht hatte. Dies fiel ihr leicht, war er doch nicht nur wesentlich kleiner als sie, sondern auch dürr und leichtgewichtig. Wieder einmal zahlte sich das tägliche Training aus, ihre athletische Figur erinnerte sehr deutlich an eine Kurzstreckenläuferin, wenn auch eine mit weichen Gesichtszügen und großem Busen.

Ohne sich die Mühe zu machen, die Leute anzusprechen, schob sie Uslar vor sich her, drängte mit seinem Körper einzelne im Weg stehende Personen weg, wodurch das Handbuch ein- oder zweimal an seinen Körper gedrückt wurde. Ohne Reaktion auf die Ereignisse legte er es sich wieder zurecht, wie in Trance regte er sich nicht, selbst als sie ihn unsanft und mit Schwung in den Pilotensessel fallen ließ. Sie besah sich die Sache einige Sekunden von oben, der Tumult in der Kabine wurde stetig lauter, obwohl sich die Luft spürbar verdünnte. Sie bemerkte, dass er nur noch wenige Seiten zu bewältigen hatte und verkürzte entschlossen den Lauf der Dinge. Mit leichtem Schwung schlug sie ihm aufs Ohr, nahm ihm gleichzeitig das Buch weg und warf es hinter sich. Uslar wurde wach, schüttelte benommen den Kopf und blickte halb angewidert zu ihr hoch und keifte: »Bist du blöd? Ich bin noch nicht fertig.«

Sie zögerte eine Sekunde, gerade lange genug, um sich für das Wort und gegen eine weitere Ohrfeige zu entscheiden und erwiderte barsch: »Aber wir sind alle fertig. Während deiner virtuellen Abwesenheit wurden ein paar Leute getötet und ein paar Löcher in die Außenhaut gestanzt. Die Luft wird knapp und der Verstand der Leute hier löst sich ebenfalls in Wohlgefallen aus. Also nimm die Hände an den Knüppel und mach einen Sinkflug, aber bitte recht hastig.«

Er traf keinerlei Anstalten, ihrer Aufforderung nachzukommen, nahm sich statt dessen die Zeit, seine Mimik in den Normalzustand zu bringen, also reichlich bedient und entnervt auszusehen. Außerdem nahm er sich wie immer die Zeit, einen Kommentar abzugeben: »Einfach so ist das alles passiert, wie? Johimbe, du hast nicht zufällig etwas damit zu tun, nein? Und wieder einmal soll ich die Kastanien aus dem Feuer holen, wenn Madame für eine mittlere Katastrophe gesorgt hat.«

»Wer zum Teufel soll denn sonst etwas damit zu tun haben? Du warst ja mit lesen beschäftigt.«

Sie wollte noch mehr sagen, doch Uslar kam ihr zuvor, indem er ohne Erwiderung den Kopfhörer aufsetzte, mehr um sie los zu werden denn aus den sachlichen Gründen, die sich hinter ihnen in der Kabine Bahn brachen. Er orientierte sich kurz und ging dann die Kontrollen der Maschine in der gleichen Weise durch, wie er es zuvor mit dem Handbuch getan hatte, wobei er das drängende Quäken der Automatenstimme ignorierte, mit der der Bordrechner einen Sinkflug anmahnte. Sie atmete ihren Ärger aus und setzte sich auf den zweiten Pilotensessel, um sich anzusehen, auf welche Weise der kleine Mann wohl ihrer aller Rettung bewerkstelligen würde. Tatsächlich dauerte es nicht lange. Ein Ruck ging durch Uslar, er griff plötzlich zum Sidestick, betätigte mit fliegenden Händen einige Schalter und Taster, die Nase der Maschine kippte schnell und gründlich nach unten, eine Hupe gab kurze, laute Töne von sich, die Automatenstimme quäkte nun fortwährend und viel lauter als zuvor “pull up, pull up”, die Passagiere einigten sich sekundenschnell auf einen einheitlichen, lang gezogenen Schrei. Die Maschine selbst schüttelte sich unwillig, die Delta-Tragflächen begannen kräftig zu vibrieren, und in dem ganzen Durcheinander tippte Uslar konzentriert und ohne Anzeichen von Hektik ein paar Kommandos in den Bordrechner. Johimbe spähte aus dem Seitenfenster und verfolgte mit, wie die Häuser und Felder unter ihr rasch größer wurden. Sie machte sich keine Sorgen, kannte sie doch seinen ausgeprägten Hang zu Rettungen in letzter Sekunde. Außerdem widersprach es ihrem Naturell, die Möglichkeit ihres baldigen Todes zu berücksichtigen. Als sie auch die Hochspannungsmasten mühelos erkennen konnte, jagte Uslar die Turbinen auf Maximum und zog das Flugzeug unter protestierenden Geräuschen aus der Verkleidung in die Waagerechte. Während der Lärm der Motoren das Knirschen der Hülle fast völlig übertönte, die Passagiere dankbar und mit zunehmender Sprachlosigkeit bemerkten, dass sie unter Umständen doch noch nicht sterben würden, sprach Uslar schon über Funk mit dem Tower. Was er hörte, schien ihm nicht zu gefallen, er schüttelte mehrfach ungläubig den Kopf, schlug sich zweimal mit der flachen Hand gegen dir Stirn, und murmelte unhörbare Flüche. Schließlich fand er die Sprache wieder, für ein einziges Wort, mit höchster Verachtung ausgespuckt: »Amateure!«

Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er dieses Wort nur im Falle größerer Probleme benutzte. Um sicher zu gehen, fragte sie nach: »Was kann es denn außerhalb dieses Flugzeugs noch für Schwierigkeiten geben?«

Uslar zog die Maschine in einen leichten Steigflug und knurrte abfällig: »Das wird dir gefallen. Diese völlig bescheuerten Terroristen haben in ihrem unendlich sinnentleerten Wahn den überwiegenden Teil des Treibstoffes abgelassen. Das heißt, wir müssen in den nächsten«, er nahm einige Einstellung am Zentraldisplay vor, »neun Minuten landen. Köln-Bonn ist durch glückliche Umstände sieben Minuten entfernt. Es reicht also gerade für einen einzigen Landeanflug. Kein sicherer zweiter Versuch möglich, erst recht keine Chance auf einen Ausweichplatz. Und nun höre ich, dass der Platz geschlossen ist. Das Allerbeste ist aber der Grund: Man beliebt zu streiken!«

Johimbe betrachtete grübelnd den kleinen Mann, wie er unbeeindruckt von seinen eigenen Äußerungen damit begann, einen Landeanflug einzuleiten. Sie verstand auch nicht, wo genau das Problem liegen sollte.

»Uslar, das kann es doch nicht sein. Das EU-Direktorat ist ermächtigt, jeden Streik mit Waffengewalt aufzulösen, wenn durch diesen Streik die Produktivität der Konzerne gefährdet ist. Und da das aus Prinzip immer und überall so ist, hat es seit 2017 keinen einzigen Streik gegeben, der länger als dreißig Minuten dauerte.«

Uslar schüttelte den Kopf, nahm in einer schnellen Bewegung den Kopfhörer ab und warf ihn hinter sich. Dann erklärte er ihr voller Abscheu auf die Gruppen, über die er sprach: »So einfach ist das diesmal nicht. Die Gewerkschaft Pucchini bestreikt den Flughafen. Sie nennen es jedenfalls einen Streik. Das haben die offenbar gut geplant, denn es handelt sich um etwa siebentausend Teilnehmer. Die Polizei hat nicht genug Leute, weil sie in Köln gerade eine dieser Arbeitsplatz-Lotterien veranstalten. Durch diesen glücklichen Umstand fiel ihnen der Platz kampflos in die Hände, was den Burschen nicht oft gelingt, wenn sie an normalen Tagen eine zünftige Prügelei anfangen. Die Gewerkschafts-Fuzzis haben jedoch leider nebenbei durch irgendwas den Zorn der Deutschen Proletariatspartei erregt, weshalb die auch mit ein paar tausend Mann aufmarschiert sind, um die Brüder, quasi in privater Mission, zur Arbeit zu zwingen. Das haben die Gewerkschafter mit Gegenwehr beantwortet und jetzt ist da unter Aufsicht eines Sprengels EU-Miliz eine riesige Schlägerei im Gange. Mit allem, was dazugehört: Keulen, Messer, Ketten. Wie im alten Rom.«

Er legte deutliche Verachtung in die Stimme, weil er das aber immer tat, wenn es galt, die Aktionen anderer Leute zu kommentieren, sorgte sie sich nicht sonderlich.

»Fein, dann können wir unbemerkt landen und uns verkrümeln, bevor die Behörden Zeit finden, uns zur Kenntnis zu nehmen. Du kannst doch auch ohne Leitstrahl landen.«

Er wedelte abfällig mit der Hand: »Kannst du vergessen. Sie prügeln sich mitten auf dem Rollfeld. Ich sagte doch: Wie im alten Rom. Für gewöhnlich meine ich es genau so wie ich es sage. Also schalten wir zweitausend Jahre zurück: Ein freies Feld, ein oder zwei Schlachtreihen, wildes Gehaue und Geschrei, überall wimmernde Verletzte, alles rennt durcheinander, Chaos pur. Selbst wenn ich da lande und eine Schneise durch den Pöbel ziehe, haben wir anschließend den versammelten Rest am Hals, der uns als kleine Racheaktion lynchen will. Und da wir unsere Jerichos nicht dabei haben, schaffen die das auch. Und sollten wir wider Erwarten doch fliehen können, haben wir ein neues Problem in Gestalt unseres Chefs, der uns wegen der vielen unnötigen Toten zur Schnecke machen wird. Das ist die Lage. Irgendwelche Vorschläge?«

Nun sorgte sie sich doch. Wenn Uslar eine längere Rede hielt, dann gab es keinen Spielraum für schnelle Reaktionen. Andernfalls hätte er geschwiegen und gehandelt. Rasch ging sie die Möglichkeiten durch.

»Gibt es noch mehr, was da unten los ist? Es gibt doch in Köln-Bonn auch eine Rollbahn, die militärisch genutzt wird. Die ist vielleicht frei.«

Uslar zog die Maschine noch etwas weiter hinauf, warf einen Blick aus dem Seitenfenster, korrigierte die Einstellung für die Ruder, und sprach dann weiter.

»Bevor du dich übermäßig freust, auf dieser Rollbahn steht seit zwanzig Stunden ein Jet, der von der KIF gekapert wurde. Die stehen da mitten auf der Bahn, ein paar Unterhändler liegen im Gras, und immer wenn einer mit den Terroristen verhandeln will, grölen die unverständlichen religiösen Quatsch ins Mikro. Die müssen alle völlig besoffen sein.«

»Langsam komme ich durcheinander. Das ist aber nicht dieselbe Truppe, die unser Flugzeug kaperte, oder?«

Uslar zuckte die Achseln, er wusste es nicht und aus Prinzip war es ihm auch so egal. Ein hirnloser Fanatiker blieb ein hirnloser Fanatiker, ganz gleich, welche größenwahnsinnige Organisation ihn losgeschickt haben mochte. Der Zeitpunkt der Entscheidung raste heran, sie überflogen gerade das große Autobahnkreuz bei Siegburg. Uslars düstere Miene hellte sich plötzlich auf.

»Keine Ahnung, die sind wohl mehr von der allgemeinen durchgeknallten Sorte, nichts spezielles. Ist auch egal. Ich habe eine Idee, was wir machen könnten.«

»Und zwar?«, fragte sie gedehnt. Glänzende Augen im scharf geschnittenen Gesicht ihres Begleiters machten sie immer misstrauisch.

»Ich mache doch zwei Überflüge. Das sollte sie verscheuchen.«

Johimbe riss die Augen auf, deutete seinen plötzlichen Wechsel von angespannter Genervtheit zu freudiger Erregung richtig und schnallte sich mit fliegenden Händen fest. Keinen Augenblick zu früh, mit einem entschlossenen Grunzen nahm Uslar die Schubhebel fast ganz zurück und drückte die Maschine wieder tiefer, so abrupt, dass es sie vom Sitz hob und hart gegen die Gurte drückte. In der Kabine gab es diesmal kein Geschrei, es breitete sich lediglich so etwas wie ein kollektives Luft anhalten aus. Ein Blick in die Miene ihres Nebenmannes riet ihr, die Augen zu schließen, doch das wäre gegen ihre Gewohnheiten gewesen. Der kleine Mann schwitzte stark, Schweiß tropfte von der Spitze seiner beeindruckenden Nase und draußen stürzte das Rollfeld heran. Die darauf herumwogenden Flecken vergrößerten sich mit rasender Geschwindigkeit und entpuppten sich als umfangreiches Kampfgetümmel. Als sie meinte, fast schon das Weiße in den Augen der Kämpfenden zu erblicken, gab Uslar vollen Schub und fing den Fall ab. Im Vorbeiflug überkam sie die Erinnerung an Weizenfelder, vom Sturm flach gelegt. So sah es da unten jetzt aus. Unter und neben der dahintobenden Supercruise warfen sich Hunderte zu Boden und diese Reaktion pflanzte sich fort wie eine Windbö im Weizenfeld. Dann endete das Rollfeld und Uslar ließ die Boeing steil steigen. Fast unmittelbar danach kippte er die Maschine nach links in eine enge Kurve, so dass Johimbe sehr zügig ihren Blick auf den Flugplatz zurück erhielt. Was sie sah, beruhigte sie ein wenig. Die wabernden Flecken bewegten sich in schöner Eintracht in Richtung der Grasflächen zu beiden Seiten der Rollbahn. Dann fuhr auch schon das Fahrwerk aus, Uslar schwenkte mit kurzen, ruppigen Manövern auf die korrekte Richtung ein und im nächsten Moment verstummten die Triebwerke. Uslar fluchte wild, das Flugzeug setzte mit einem heftigen Krachen auf und sprang wieder in die Höhe. Die zweite Bodenberührung fiel kaum sanfter aus, doch diesmal gelang es ihm, die Nase der Boeing zu senken und beim dritten Aufsetzen auch am Boden zu halten. Trotzdem blieb ein Problem. Uslar sah sich auf eine merkwürdig unbeteiligte Weise die Menschenmassen an, die ihrerseits dem antriebslos vorbeipreschenden Flugzeug entgeistert hinterher schauten. Durch das laute Poltern des Fahrwerks zum schreien gezwungen, herrschte Johimbe den kleinen Mann an: »Bremsen, Uslar, bremsen! Häng hier nicht rum, es ist noch nicht vorbei.«

Uslar hatte wieder seinen normalen Gesichtsausdruck angenommen und so antwortete er auch wieder auf die gewohnte Art: »Stimmt. Ich kann aber erst ab hundertfünfzig Knoten abwärts die Bremsen benutzen, sonst verglühen sie.«

Mit einem aggressiven Knurren fuhr sie den kleinen Mann an: »Du Hirn! Was nützen intakte Bremsen, wenn wir zerschellen? Brems jetzt. Sofort!«

Die beiden sahen sich zwei Sekunden lang in die Augen. Uslar zuckte mürrisch die Achseln und tat, wie sie es forderte. Die Landebahn endete fast, da packten die Bremsen und mit lauten, schabenden Geräuschen wurde der Jet langsamer. Allerdings genügte die Wirkung nicht ganz. Unter enormer Lärmentwicklung stürmte die Maschine über den Asphalt hinaus in die Grasflächen hinein, riss nacheinander zwei Zäune weg und bahnte sich ihren Weg durch die angrenzende Heidelandschaft. Mit angehaltenem Atem verfolgte Johimbe, wie die Waldgrenze schnell näher rückte. Dann brach das Bugfahrwerk, der Rumpf krachte zu Boden und pflügte eine Schneise durch den Torf. Dies bewirkte eine zusätzliche Bremsleistung und so kam die ganze Fuhre kurz vor den ersten Bäumen in einer mächtigen Wolke aus Dampf und Torfbrocken zum Stillstand. Im Cockpit atmeten beide im gleichen Augenblick aus. Johimbe öffnete den Mund, um dem kleinen Mann ordentlich die Meinung zu geigen, doch der kam ihr zuvor: »Bevor du dich hier aufbläst, solltest du dich vordringlich um deinen Hintern kümmern. Wir müssen hier flott verschwinden, bestimmt kommt gleich eine größere Abordnung unserer Freunde vom Rollfeld hier an, um uns überschwänglich für die Spielpause zu danken.«

Das sah sie ein und verzichtete vorläufig auf weiteres. Gemeinsam begaben sie sich hastig in die Kabine, öffneten die Tür und sahen sich zum Abschied noch einmal kurz um. Niemand sagte etwas, alle, Passagiere wie Personal, blickten ihnen starr vor Entsetzen nach.

 

 

 

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