Der Krimimann

Homepage des Autors Thomas Pfanner


Nehmen wir mal an, Sie wollen einen Krimi schreiben. Die meisten Autoren fangen mit Krimis oder etwas in Richtung Autobiographie an.  Krimis sollen angeblich einfacher sein.  

Nur: beim Schreiben ist nichts einfach. Es ist in Wirklichkeit höchst komplex.

 

 

Einen Krimi zu schreiben, ist so ziemlich das Undankbarste, was einem im literarischen Betrieb einfallen kann. Andererseits bedeutet es im Erfolgsfall, zu einer kleinen Elite zu gehören. Man gehört dann zu den etwa 280 deutschsprachigen Helden, die einen Krimi veröffentlicht haben. Und von denen haben die wenigsten mehr als einen Krimi veröffentlicht.

 

 

Theorie

- Marktchancen

 

Da fängt das Problem schon an: nur etwa 15% aller Neuerscheinungen im Bereich Krimi stammen von deutschsprachigen Autoren. Bei den Stückzahlen ist das Verhältnis noch verheerender. Hinzu kommt, daß die Einheimischen überwiegend in Taschenbüchern erscheinen, Grisham und Co aber in fetten Hardcovern. Das liegt an verschiedenen Dingen. Zum einen lesen unsere Mitbürger lieber von schlimmen Dingen, wenn sie weit weg passieren. Deutschland liest gerne von fremden Ländern, exotischen Schauplätzen und ganz bösen Jungs, denen man garantiert nie beim Bäcker begegnet. Zum anderen ist es gerade in unserem Land recht gefährlich, reale Namen und Orte in schlechtem Licht darzustellen. Wenn man z.B. im Kanzleramt einen Schäferhund mit einer Nivea-Dose zu Tode quält (nur mal als Beispiel, nicht ernst gemeint), hat man das Kanzleramt und den Nivea-Hersteller am Hals und totsicher auch den Tierschutz. Man steht also immer mit einem Bein im Gerichtssaal und sei es wegen unerlaubtem Nutzen von Markennamen. Und selbst wenn die betroffenen Firmen oder Personen nichts unternehmen, bekommt man plötzlich Post von einem Anwalt, der eine kostenpflichtige Abmahnung zustellt. Deutschland ist ein schlechtes Pflaster für blutige Schauplätze. Echte Freiheit bei Plot und Nennung von realen Bösewichtern gibt es nur in den UAS. Und das wissen auch die Verlage und sind sehr zögerlich. Das grenzt den Spielraum ziemlich ein, was übrig bleibt, sind die sogenannten Regionalkrimis. Diese Merkwürdigkeit hat sich zwangsläufig entwickelt. Irgendwo müssen ja auch in Deutschland die Krimis spielen. (Technisch gesehen sind auch die US.Krimis Regional.Krimis, aber niemand käme auf die Idee, einen Krimi "New-York-Thriller" zu nennen.) 

Und da niemand ernsthaft verletzt werden soll (Juristisch gesehen der Verlag und der Autor), wird eben die Gegend zum eigentlichen Event. Ergo geht es nicht mehr um „Mord im katholischen Altenheim“ (Beleidigung religiöser Symbole: 1 Jahr Haft) oder „Das Politessen-Massaker“ (Anstiftung zum ???: 1000 Euro Geldstrafe), sondern um einen „Eifel-Krimi“ oder „Ruhrpott-Thriller“. Eine der wesentlichen Schwierigkeiten beim Krimi ist nicht, ihn zu schreiben, sondern niemandem damit auf die Füße zu treten.

 

 

- Anerkennung

 Gibt es nicht. Schreibt jemand einen Roman (was auch immer das im Einzelfall sein mag), sagen alle: Toll. Schreibt einer einen Krimi, sagen alle: Ach so? Na ja, wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das auch mal in den Ferien machen. Der Grund liegt in einer Art Klassenkampf, den die selbst ernannte Elite des Literaturbetriebs gegen die sogenannte „Unterhaltungsliteratur“ führt.

Krimis sind für viele Menschen aus dem Medien-Betrieb (die in den Rezensionen die Meinung machen) auf einer Stufe mit Perry Rhodan oder Mickey Maus anzusiedeln, mithin also SCHUND! Auch aus diesem Grund gibt es so wenige Möglichkeiten der Veröffentlichung und so großen Unwillen, deutsche Autoren mit Marketing zu verwöhnen. Ohne Marketing aber nützt der beste Roman nichts.

 

- Verdienstmöglichkeiten

 

Schwach. Fast immer Taschenbuch, fast immer 7 bis 10%.Honorar (am um die Märchensteuer verringerten Verkaufspreis). Macht im günstigsten Fall ein Euro irgendwas pro Buch, bei 2000 bis 3000 Stück Startauflage zu wenig für einen Krimi, für den man ein ganzes Notebook totmacht. Ungefähr 15 bis 20 Menschen schaffen es pro Jahr, erstmals einen Krimi zu veröffentlichen. Die meisten schaffen es aber nicht, jemals einen zweiten zu schreiben, oder zu veröffentlichen. Vermutlich, weil sie von etwas leben müssen und irgendwann die Motivation, spätestens nach der dritten Scheidung, futsch ist. Vom Krimi-schreiben leben zu wollen bedeutet Obdachlosen-Asyl und Ravioli bis ans Ende aller Tage. Nach meiner letzten Zählung gibt es genau drei deutsche Autoren, die vom Krimi leben können, davon einer, der "nebenbei" einen Krimi-Verlag betreibt, was die Sache ein wenig unübersichtlich macht.

 

- Hilfe

 Im Augenblick leben etwa 280 Krimi-Autoren unter uns, die der deutschen Sprache mächtig sind. Da wir in einem Land leben, in dem das Vereinsleben durch die Verfassung garantiert wird, sind die selbstredend organisiert. Unter www.das-syndikat.com findet man Hilfe. Aber nur der wird aufgenommen, der zuvor etwas veröffentlicht hat.  Habenichtse wollen die da auch nicht. Gott liebt die Erfolgreichen. Ansonsten hilft nur lesen. Wer die Konkurrenz kennt, kennt die Wünsche der Leser.

 

 

Praxis

 

Wie schreibt man eigentlich einen Krimi?

 

Ganz anders als einen Roman. Bei einem Roman (biographisch oder Problemorientiert) fängt man bei einer Idee und von vorne an. Einen Krimi beginnt man mit dem Ende und der Moral von der Geschicht.  Wie das geht?

 

Nehmen wir mal an, Sie fangen einen Krimi an und gehen vor wie bei einem stinknormalen Roman. Also schreiben Sie wortgewaltig, wie in einem Altenheim eine Leiche gefunden wird. Mit einer Leiche fangen ja die meisten Krimis an. Ein Kommissar tritt auf, Indizien werden gesammelt und... aha: die Nachtschwester war’s. 26 Seiten und schon am Ende. Sie sind enttäuscht, weil sie offenbar keinen Krimi schreiben können, der über das Format einer Kurzgeschichte hinausgeht. FALSCH!!

 

Sie müssen es richtig anfangen. Zuerst und zu allererst müssen sie festlegen, wie sich die Dinge am ENDE darstellen sollen:

 

1.  Wer ist der Mörder?

Sie müssen wissen, wer es war. Wenn Sie es nicht wissen, wer sonst? Sie müssen es wissen, bevor Sie die erste Zeile schreiben. Wissen Sie es nicht, sondern erfahren es erst mitten im Roman, dann ist der Arsch ab. Dann schmeißen Sie alles weg, weil es unlogisch oder aufgesetzt wirkt.

 

2. Was ist die Motivation?

 

Töten allein genügt nicht. Es muß auch einen guten Grund dafür geben. Na ja, einen plausiblen Grund immerhin.

Also schreibt man erst das Ende: der Mörder war ein Psychopath, der bei der Heimaufsichtsbehörde arbeitet und weil die Heimleiterin ihn verschmähte, wollte er sie mitsamt dem Heim zugrunde richten. Prima, das funktioniert. Jetzt wissen wir also, was der Leser noch nicht wissen darf. Dann können wir das weitere planen:

 

3. Charaktere

 

Wichtig. Von den Figuren, die durch einen Krimi geistern, ist die ganze Geschichte abhängig. Sie müssen leben, interessant sein und im Kopf des Lesers haften bleiben. Aber: nicht zu schrullig und nicht zu abgedreht. Alle Personen, auch die Bösen, sollten noch als angepaßte Mitglieder der Gesellschaft glaubhaft sein. Das macht die Bösen noch bedrohlicher.

 

4. Protagonist

 

Festlegen, wer eigentlich der Held ist. Der Jäger des Mörders oder der Mörder. Da muß man sich festlegen, denn auf diese Festlegung reagiert die Sympathie des Lesers. Haben wir Verständnis für den Killer von der Heimaufsicht, weil wir frühzeitig verstehen, was ihn treibt? Lieben wir die Heimleitung, weil sie kompetent und energisch den Vorwürfen entgegentritt? Entweder-Oder, beides geht nicht.

 

5. Falsche Fährten.

 

Extrem wichtig. Der Autor kennt die Lösung, jetzt muß er alles unternehmen, damit ihm der Leser nicht zu früh auf die Strümpfe kommt. Also: falsche Täter ins Spiel bringen. Hier: die Nachtschwester wird verhaftet, verhört, bricht zusammen, gesteht. Erst später kommt raus, daß sie eigentlich nur das Valium der Heimbewohner frißt und damit vom (erfolgsgeilen) Kommissar zum Geständnis erpreßt wurde. Das hat schon fast Hollywood-Dimensionen. Leser in die falsche Ecke geschickt, hurra! Jetzt nur noch die Kurve kriegen zum wahren Täter.

 

6. Logik

 

Bei gewöhnlichen Romanen akzeptiert der Leser bestimmte Annahmen des Autors einfach so, weil es eben ein Roman ist. Niemand fragt nach, warum eigentlich der verliebte Förster eine Riesenvilla bewohnt, oder warum es bei Kafka dieses bescheuerte Schloß gibt. Bei Krimis ist das anders.

Jeder Leser ermittelt mit, prüft die Fakten eigenhändig, durchleuchtet auf jeder Seite die Logik der Zusammenhänge. Da wird sofort bemerkt, daß die Nachtschwester einen für ihr Gehalt zu teuren Wagen fährt. Und während jeder wegen dieses winzigen Details, das sie achtlos hingeschmiert haben, die gute Schwester in einer Nebentätigkeit als Hure vermutet, sie also als Täter sehr wohl plausibel wird, basteln sie unverdrossen an einer Medikamentenabhängigkeit und entfernen sich damit vom Leser. Also: alles, wirklich ALLES auf Logik überprüfen. Die ganze Sache muß stimmig sein, jeder Leser muß zu der Überzeugung gelangen: Ja, so könnte es gewesen sein. Hier, und nur hier entscheidet sich der Erfolg eines Krimis. Stellen sie sich vor, sie wären Bundesliga-Trainer, und Millionen Pappnasen sitzen vor den Fernsehern und beurteilen ihre Aufstellung und Taktik. So ist das, wenn man einen Krimi schreibt.

 

 

Tips

 

Ein paar Tips, wie man sein Ziel erreicht:

 

- Plot

 

Neudeutsch für Ablaufplan. Die wesentlichen Ereignisse eines Krimis auf einer Seite. Wann was passiert, schreibt man hier auf. Damit navigiert man durch sein Werk. Damit schreibt es sich leichter. Schreibblockaden lassen sich verhindern, weil man nicht mehr nachdenken muß, was genau nun geschrieben werden soll. Existentiell für die Logik.

 

- Szenenplan

 

Steigerung von Plot. Jede einzelne Szene wird skizziert. Vorteil: wenn dir schon so ein Plan nicht gelingt, schaffst du auch den Krimi nicht. Zeit gespart. Überfällt dich das Gefühl, der Plan ist genial, dann schreibt es sich wie von selbst.

 

- Täglich schreiben

 

Nirgendwo ist es so wichtig, „in“ der Geschichte zu bleiben. Gerade wegen der Logik muß man jeden Tag den Fall wälzen, nur so spürte man die winzigen Defekte auf, die einen Plot zerstören können. Also: schreibe täglich, oder du schaffst es nie!

 

 

- Der Deutsche liebt Serien!!!

 

Achte bei der Erstellung von Charakteren, daß du sie weiterverwenden kannst (laß ein paar überleben). Ganz toll ist ein Cliffhanger: lasse immer eine Frage offen, so daß der Bedarf an einem Nachfolger ins Auge springt (auch dem Verlag).

 

- Mut zur Tragik.

 

Wen nervt es nicht, daß alle Geschichten immer gut ausgehen? Krimis mit tragischem Ende bleiben länger im Gedächtnis. Schon mal daran gedacht?

 

 

Zu guter Letzt:

 

eine gute Idee ist nur nichts zu ersetzen; außer durch zwei gute Ideen.

 

Vielleicht handelt der Heimaufsichtstyp im Auftrag der Konkurrenz, oder die haben ihn mit falschen Infos verrückt gemacht? Vielleicht war es in Wirklichkeit ein Komplott; der Mörder hat nur einmal gekillt, die anderen 12 hat doch die Nachtschwester gemacht, die in Wirklichkeit die lesbische Freundin der Heimleiterin ist?

 

Wenn die Idee gut ist, fällt es leicht, Spannung zu erzeugen. Die Möglichkeiten sind gewaltig! Also: ranzwingen!

 

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