Der Krimimann

Homepage des Autors Thomas Pfanner


Dies ist der Prolog zu meinem neuen SF-Thriller

Auftrag: Überleben!

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Bitte immer daran denken: SF-Autoren beschreiben eine Zukunft, von der sie hoffen, sie möge niemals eintreten.

 

Das irre dabei: manchmal tritt es doch ein. Hier zum Beispiel beschreibe ich einen Amoklauf an einem Gymnasium, in dem nach Verfassen dieser Zeilen tatsächlich jemand so etwas versucht hat. Gott sei Dank handelte es sich um einen Dilletanten, so dass nichts passierte.

Ich liebe es zwar, einen Roman mit einem Kracher zu beginnen, aber nur rein hypothetischen Inhaltes. Ich bin Schriftsteller und kein Wahrsager. Hoffe ich jedenfalls....

 

 

 

Ein Vorgeschmack

  

 

 Eine einzige Sekunde kann alles verändern. In einer einzigen Sekunde verarbeitet das Gehirn alle erreichbaren Sinneseindrücke und präsentiert sie dem Bewußtsein. Das Bewußtsein wiederum tut sich regelmäßig schwer, in der gleichen Geschwindigkeit die Informationen auszuwerten und eine Entscheidung zu treffen. Je nach Charakter der handelnden Person wird die Zeitspanne, die sich zwischen Erkenntnis und Entscheidung eröffnet, als sehr lang oder unglaublich kurz empfunden. Gelegentlich ergibt sich neben dem Zeitdruck auch durch die ungeheure Tragweite des fälligen Entschlusses eine zusätzliche Dramatik.

Johenn wusste dies seit langem, auf einer eher theoretischen Ebene. Seine Erfahrungen hatten seinen Charakter geprägt und sein Charakter machte ihn zu einem pessimistischen und vorsichtigen Menschen. Bei jeder Krise, jeder Schwierigkeit, jeder Veränderung malte er sich unwillkürlich das Worst-Case-Szenario aus, inklusive der dann noch möglichen Optionen für ihn. In der Realität trat ein absoluter Notfall praktisch nie ein. Auch ein Soldat befand sich nur gelegentlich im Kampf. In seinen Gedanken aber, in seinem Gedächtnis, in seinen geheimen Plänen, spielte er alles jeden Monat etliche Male durch. Er hielt sich für vorbereitet. Von einer Sekunde auf die andere wurde klar, daß er es nicht war. Er hatte sich zu sehr darauf verlassen, in einem friedlichen Land zu leben.

Er wurde von der sich unvermittelt ergebenden Situation vollständig überrascht. Eben noch stand er leise pfeifend vor dem Pissoir der Besuchertoilette des Albert-Einstein-Gymnasiums, nicht so sehr der Notdurft wegen, sondern um die Zeit tot zu schlagen. Zeit hatte er immer genug gehabt, weil er ein Gehetzter war, eine ihn permanent quälende Facette seines Pessimismus. Immer schon und seit frühester Jugend lebte er mit der Angst, zu spät zu kommen. Die Aussicht, auch nur eine Minute zu spät zu kommen, machte ihn panisch. Früher, als Schüler, schwänzte er den Unterricht lieber ganz, als verspätet in die Klasse zu treten und sich der vermeintlichen Schande aussetzen zu müssen. Das Problem bewältigte er dauerhaft, in dem er stets mit reichlich Spielraum arbeitete. Sein Leben war aufgrund dieser Vorgehensweise relativ unaufgeregt verlaufen, was die Angst vor der Verspätung betraf.

Heute also stand er zwanzig Minuten zu früh in der Schule. Seine Tochter saß noch im Unterricht, und er vertrieb sich die Zeit mit einem überflüssigen Toilettengang. Eigentlich wollte er sich noch ausgiebig die Hände waschen, doch irgend etwas bewog ihn, ohne hygienische Nachsorge den Raum zu verlassen. Später konnte er nicht sagen, welchem Umstand er die einmalige Abweichung vom immer gleichen Plan verdankte. Er hatte nichts gehört außer dem Rauschen der Belüftung und dem Gurgeln der Spülung. Da war nichts und doch traf er bereits hier eine Entscheidung, die ihn schnurgerade und überaus pünktlich zu der eigentlichen, der wichtigsten Entscheidung führte.

Johenn schob die Tür auf, die wahrscheinlich einzige Tür in dem ganzen maroden Bau, die nicht quietschte, trat einen Schritt vor… und die Sekunde begann.

Die Toilette befand sich an der Seite der großen Aula, die sich im Erdgeschoß über gute vierhundert Quadratmeter erstreckte. Auf der anderen Seite führten einige Türen zu den Treppenhäusern, links von seinem Standort verlief der breite Flur, durch den man zu den beiden Ausgängen gelangte. Die Aula war dennoch kein Ort übermäßiger Weite, zehn oder zwölf breite Säulen stützen die oberen Geschoße und verdeckten den Blick zumindest teilweise. Johenn selbst wurde von einer dieser Säulen verdeckt, die just drei Meter knapp links von ihm aus dem Boden wuchs. Die Existenz der Säule verschaffte ihm erst die Sekunde.

Nach dem Schritt hinaus in die Aula stoppte Johenn, blieb wie angefroren mitten in der Bewegung stehen, wobei er den Grund für seine Handlung noch nicht einmal im Entferntesten zu erfassen vermochte. Die Szenerie wirkte auf ihn irgendwie falsch. Nichts paßte zu seiner Erwartung, wie Menschen sich in einer Schule zu verhalten hatten. Eine Zehntelsekunde währte die Bestandsaufnahme. Er sah Schüler, die starr vor Schreck an den Wänden kauerten. Er sah Schüler, die rannten, jeder in eine andere Richtung, aber alle von ihm weg. Die nächste Zehntelsekunde forschte er nach einem möglichen Grund. Er fand ihn direkt vor sich, an besagter Säule. Halb verdeckt von dem Gebilde aus Beton stand da ein Mann. Eine weitere Zehntelsekunde investierte Johenn in die Musterung des Mannes. Er konnte lediglich die rechte Körperhälfte erkennen, sowie die rechte Hand. Er sah alles auf einmal und war doch verwirrt. An der Schulter des Fremden ragte der Griff eines Messers heraus, bereit, von der rechten Hand ergriffen zu werden. Rund um das Messer grünlicher Drillich, ein militärisch wirkendes Hemd, in diesem Fall zusätzlich mit arabischen Schriftzeichen verziert, am Hals in ein schwarzes Tuch übergehend. Ein Kopf voller Haare, das Stirnband hinten geknotet, ohne den Haaren eine Ordnung geben zu wollen. Nackter Unterarm, in eine haarige Hand übergehend. In der Hand eine Pistole. Johenn vermochte die Waffe mit Leichtigkeit zu identifizieren. Er vergaß nie etwas, das war sein Schicksal. Eine solche Fähigkeit geriet gemeinhin zu einer unendlichen Bürde, da alle Katastrophen und Fehlschläge eingebrannt blieben ins schlechte Gewissen. Heute würde die Ernte eingefahren werden, heute würde sich all das Leid auszahlen. Und doch nur wieder Leid erzeugen.

Eine Glock 19. Die Pistole mußte echt sein, für dieses Modell gab es keine Gas- oder Schreckschuß-Version. Außerdem sprang ihm der fettglänzende Verschluß ins Auge, hochwertiges Waffenöl kam hier überreichlich zum Einsatz. Einige Teile des Puzzles fielen zusammen, die Konsequenz unglaublich klar vor Augen, begannen nun die gräßlichsten Zehntelsekunden. Wie eine Schrankwand fiel der Zwang zur Entscheidung auf Johenn und nahm ihm die Luft zum Atmen. Sein Gehirn spaltete sich auf in zwei Teilbereiche, die in zwei Geschwindigkeiten arbeiteten. Die eine, vertraute Seite, verfiel in gewohnter Weise in Panik, spürte sie doch den Zeitdruck. Johenn wußte ganz genau und ohne zeitraubende Denkarbeit, dass er jetzt und hier handeln mußte, auf der Stelle und sofort. Stattdessen hielt ihn die zweite Hälfte seines Denkorgans davon ab, in dem dort in quälender Langsamkeit alle Möglichkeiten durchgespielt wurden. Das hier konnte nicht so sein, wie es aussah, es durfte nicht sein, sicher gab es eine logische und ganz harmlose Erklärung, die ihm nur noch nicht klar geworden war. Auch die zweite, langsame Hälfte wurde in diesem winzigen Zeitabschnitt von Panik gepeitscht. Ohne die Augen zu bewegen, suchte Johenn in dem sich ihm bietenden Bild nach einem Hinweis, nach einer Kamera, einem Beleuchter, einer Regieassistentin, einem Schauspieler. Nicht auszudenken, wenn er einen Darsteller angriff und verletzte, wenn das alles nur die neue Folge einer bekannten Fernsehserie werden sollte. Er würde ins Gefängnis kommen, und zudem der Lächerlichkeit preisgegeben, von den lebenslangen Selbstvorwürfen ganz zu schweigen.

Die hektische Hälfte seines Denkens beobachtete mit wachsender Panik, wie die langsame Hälfte um neue Erkenntnisse rang, während gleichzeitig bereits das Was-wäre-wenn-Szenario bedacht werden mußte. Was, wenn das alles wirklich echt wäre? Was konnte er dagegen tun? Seine Fähigkeiten, würden sie ausreichen? Seine Skrupel, sein Gewissen, der ganze zivilisatorische Überbau eines Menschen, der die letzten Jahre in Frieden gelebt hatte, würde ihn all das nicht von jeglicher Gewalt abhalten?

Alles geschah auf einmal. Aus der Glock sprang ein Feuerstrahl, der Schlitten zuckte nach hinten und warf eine Patronenhülse aus, die scheinbar träge durch die Luft taumelte. Beinahe vermeinte er die Kugel auf ihrer Bahn beobachten zu können. Er warf einen Blick in die Zukunft und das straffte alle Muskeln in ihm und bewirkte die Wiedervereinigung seiner Denkhälften. Er sah, was kommen würde und vermochte es nicht zu verhindern. An der anderen Seite kauerte ein Schüler, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Er starrte unverwandt und mit weit aufgerissenen Augen den Mann mit der Pistole an, während die Kugel auf ihn zu raste. Johenn wußte, sie würde treffen und das tat sie auch.

Die Sekunde endete. Ein einziger Gedanke füllte sein Denken aus wie mit dem Vorschlaghammer eingeprügelt. Melissa! Seine Tochter war da oben im zweiten Stock. Er traf die notwendige Entscheidung, sie war zwingend. Bereits vor dreizehn Jahren hatte er an ihrem Bett gestanden und sich geschworen, mit seinem Leben für ihres einzustehen. Er vergaß nie etwas, Situationen wurden stets mit den damals gelebten Emotionen gespeichert. In einer stillen Ecke seines Bewußtseins gab es keinen Zweifel an der Aussichtslosigkeit seines Unterfangens, doch das interessierte jetzt nicht. Er würde sein ganzes restliches Leben in der Psychiatrie zubringen mit der täglichen Erinnerung seines maximalen Versagens. Hier zu stehen und zuzulassen, daß seine Tochter getötet wurde, das ging nicht. Unmöglich. Nicht bei seinen Möglichkeiten. Das größte Risiko einzugehen war besser als die schändliche Untätigkeit.

Johenn hatte sich entschieden, die Starre löste sich, die Gedanken entwickelten sich in nie dagewesener Rasanz, der erste Schritt brachte ihm sogleich die Möglichkeit der ersten Tat. Der Unbekannte konzentrierte sich auf die Schüler um ihn herum und ganz offensichtlich wählte er die leichteren Ziele aus, in dem er den Flüchtenden keine Beachtung schenkte, sondern sorgfältig zielend die bewegungslos erstarrten Jugendlichen zu töten trachtete. Die Toilette übersah er oder hielt den Ort für nicht relevant, ein schwer wiegender Fehler. Sein letzter Fehler. Johenn spürte die wohltuende Schärfe seiner aufflammenden Wut, die ihm alle Skrupel nahm, gleichzeitig die Fähigkeit zu klarer Planung unangetastet ließ. Er sah das Messer in der Scheide, verband die Fülle nie vergessener Informationen mit den realen Übungseinheiten und griff danach. Alles mußte schnell gehen und es ging schnell. Der Mann gewahrte den rasch auf ihn zu eilenden Schatten, die Pistolenhand begann zu schwenken, doch es war zu spät. Johenn ergriff das Messer im ersten Versuch, riß es heraus, schnell, aber nicht übermäßig heftig, um keine Zeit zu vergeuden. Unmittelbar nach der vollständigen Befreiung der Klinge aus der Scheide stieß er in Gegenrichtung zu, nun mit aller Macht. Der Mann kam ihm entgegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Indem er sich zu ihm hin drehte, offenbarte er seinen Hals. Die Klinge fuhr in die rechte Halsschlagader, es war ganz leicht, kein Widerstand zu spüren. Fast ganz versenkt, hielt die Klinge abrupt inne, von einem scharrenden Knirschen begleitet. Die Wirbel waren erreicht. Der Mann riß Augen und Mund auf, gleichzeitig öffnete sich die Hand und die Pistole begann ihren Weg zum Boden. Ein weiterer Erinnerungssplitter blitzte in Johenns Kopf auf, weshalb er nicht versuchte, die Wirbel mit einer verstärkten Anstrengung zu durchtrennen, statt dessen drehte er die Klinge und zog sich sogleich heraus, bereit für einen neuen Stoß. Der wurde nicht mehr benötigt. Der Mann starrte ihn einen Augenblick lang an, dann sackte er einfach weg wie eine Leiche, die den Trägern aus der Hand geglitten war. Genau das war er, eine Leiche. Obwohl bereits tot, pulste das Blut aus der eröffneten Schlagader und besudelte Johenns Hosenbeine. Es gab wichtigere Probleme. Johenn sprang weg, tauchte nach unten und versuchte, die über den Boden tanzende Glock zu fassen. Er fühlte sich sicher, er kannte die drei Sicherungsmechanismen der Waffe, durch die bei einem Aufprall auf den Boden die Abgabe eines Schusses verhindert wurde. Im dritten Versuch bekam er die Pistole zu fassen, richtete sie von sich weg, hektisch nach einem möglichen Ziel suchend, gleichzeitig das Magazin herausnehmend und die Zahl der verbliebenen Patronen abschätzend. Alles ging ganz schnell und sicher, hätte sein Gehirn genug Rechenleistung übrig gehabt, wäre Raum für angemessenes Staunen geblieben. Johenn stand jedoch unter Druck, dem stärksten Druck seines Lebens, die Ohren meldeten gerade weitere Schüsse in den oberen Etagen. Ob das allgemeine Geschrei in diesem Augenblick begann, oder erst jetzt von ihm wahrgenommen wurde, blieb auf immer ein Rätsel. Ohne zu zweifeln stand für ihn fest, daß es mit dem einen Angreifer nicht getan sein würde.

Johenn wandte dich dem Toten zu, der unverändert blutete, ein wahrer See aus Blut hüllte ihn ein. Wie erhofft gehörte der Mann zu der Sorte von Angreifern, die nie genug Munition dabei haben konnten. In aller Hast riß Johenn fünf Magazine an sich, verstaute sie in verschiedenen Taschen, während er bereits losrannte. An der Tür kam ihm ein erster Pulk flüchtender Kinder entgegen. Entsetzt prallten sie vor ihm zurück. Er verschwendete keinen Gedanken an den Umstand, blutverschmiert zu sein und mit einer Pistole auf die Kinder zuzustürmen, nahm nur dankend die entstehende Lücke wahr und stürmte hindurch. Drei Stufen gleichzeitig nehmend schaffte er es sehr schnell, das erste Stockwerk zu erreichen, doch kam es ihm bei weitem nicht schnell genug vor. Im Hinterkopf zählte er die Schüsse mit, die von dieser Etage zu ihm drangen, zu viele, viel zu viele. Wieder ein Pulk Kinder, ältere diesmal. Sie schrieen, sahen ihn, schrieen noch lauter und versuchten, vor ihm zu flüchten, zurück in die Gefahr. Das durfte nicht passieren, ein Geistesblitz durchfuhr ihn und er brüllte so laut wie möglich: »Deutsche Infanterie! Raus hier, sofort!«

Er schrie es einige Male, bis die Kinder die Worte begriffen. Endgültig verstanden sie es in den folgenden Sekunden.

Zwei hochgewachsene Gestalten kamen eilig aus einem Klassenzimmer, etwa zwanzig Meter entfernt. Der Flur war an dieser Stelle sehr breit, öffnete sich zu einem kleinen Saal, der Anschluß an den nächsten Flur gewährte. Diese Seite konnte Johenn nicht einsehen, immerhin sah er genug, um zu erkennen, daß die Beiden jemanden in diesem Saal unter Feuer nehmen wollten. Beide hielten Pistolen am ausgestreckten Arm, ignorierten selbst die auf dem Boden kauernden Schüler direkt an der Wand. Sie übersahen zudem Johenn, der heranstürmte und den Zeigefinger so schnell und so oft betätigte wie nur möglich. Bei der Glock handelte es sich um eine Waffe, die im wahrsten Sinne des Wortes narrensicher war. Keine umständliche Handhabung, kein Hahn, der verlangte gezogen zu werden, kein übermäßiger Rückschlag. Johenn begann auf die Bauchregion zu zielen, nach mehreren Schüssen lagen die Treffer durch das Hochrucken nach jedem Schuß deutlich höher. Ohne Gefühle beobachtete er die beiden Männer, während sie unter den Treffern ihr tödliches Ballett aufführten und schließlich zu Boden fielen.

Johenn schaute nicht nach rechts und nicht nach links, ließ sich von nur zwei Dingen leiten. Das eine waren seine Ohren, die aufgrund des Lärms auf Entfernung und Anzahl der verbliebenen Angreifer schloß. Das andere die immer dringendere Angst um Melissa. Er mußte in den zweiten Stock, auf der Stelle, egal, was sich ihm in den Weg stellte. Kurz musterte er die beiden Leichen auf der Suche nach Brauchbarem und nahm schließlich einen stummelläufigen Trommelrevolver an sich. Kein ausdrücklicher Gedanke befaßte sich mit seiner Handlung, rein aus dem Bauch heraus empfand er es als notwendig, den Revolver zu nehmen. Die Handgranaten ließ er am Gürtel des einen Mannes, ebenso die Pistolen. So schnell wie möglich rannte er zurück zum Treppenhaus. Die Tür stand offen, dumpf hörte er Schüsse, von infernalischem Geschrei fast völlig übertönt. Sein Gehirn setzte die verschiedenen Geräusche zusammen und gab ihm eine vegetative Warnung in Form eines eiskalten Prickelns im Nacken.

Während der ganzen Aktion von ihrem überraschenden Beginn bis zu diesem Moment hatte Johenn buchstäblich nichts gefühlt außer Angst und Wut. Nach all den langen Jahren, in denen er sein cholerisches Gemüt durch konzentrierte Wachsamkeit und selbst auferlegte Disziplin in Schach gehalten hatte, stürmte die so lange unterdrückte Wut zum Gipfel hoch, wurde zu einer Art Blutrausch, der wiederum die Angst zurückdrängte und handhabbar machte. Das Aufflammen existentieller Todesangst überraschte ihn so sehr, daß keine Zeit blieb zum Nachdenken. In einem Auge erschien eine Draufsicht des Treppenhauses und ein Bild von ihm, wie er gerade das tat, was er gleich tun würde. Das Bild verschwand wieder, ein Geist, der keine halbe Sekunde gebraucht hatte, um seine Botschaft zu überbringen.

Johenn vollführte in vollem Lauf einen Hechtsprung und landete schmerzhaft auf dem Bauch. Die glatten Steinfliesen verhielten sich höchst unfreundlich zu seinen Ellbogen und Kniegelenken, der geringe Reibwert des Untergrundes erwies sich jedoch wie erhofft als ganz vorteilhaft. Johenn rutschte durch die Tür ins Treppenhaus hinaus. Ohne hinzusehen feuerte er drei Schuß die Treppe hinauf, ein wilder Schrei war seine Belohnung.

Der Weg nach oben war frei. Drei Stufen auf einmal nehmend stürmte er hinauf, keinen Blick auf den Mann verschwendend, dessen Hinterkopf sich in kleine Bestandteile zerlegt hatte und einen Abschnitt der Wand besudelte. Er bog um die Ecke, durchschritt die offene Glastür und er erkannte, dass er erwartet wurde. Ein energischer Luftzug an seiner Wange war das erste Zeichen, unmittelbar darauf hörte der das Krachen des Schusses. Zu viel Adrenalin im Blut, ohne zu zucken erwiderte er das Feuer, auf den Angreifer weiter zustürmend. Drei Mal feuerte er, dann war das Magazin leer. Er sah die Feuerblumen aus dem Lauf des Gegners schießen, spürte jedoch keinen weiteren Luftzug. Ohne zu zögern, ohne langsamer zu werden klickte er das Magazin aus, riß eines der mitgenommenen frischen Magazine aus der Hosentasche und rammte es unbarmherzig in die Glock. Durchladen und feuern wurden eins, der letzte Meter zwischen sich und dem Gegner reichte für eine weitere Kugel. Der bärtige Mann taumelte zurück, seine Waffe am ausgestreckten Arme pendelte hin und her in dem Bemühen, endlich einen Treffer zu landen. Den Mund weit aufgerissen präsentierte er Johenn das geeignete Ziel. Die Kugel fuhr dem Angreifer in den Rachen und trat am Übergang zwischen Halswirbelsäule und Hirnschale aus, eine kleine Schar Knochensplitter und Gewebsfetzen mit sich nehmend. Der Mann sackte zusammen wie eine Gummipuppe, der man die Seite aufgerissen hatte.

Melissas Klasse war nicht mehr weit weg. Johenn sprang über den Toten und setzte seinen Weg fort. Da, die Klasse. Ein Schatten sprang heraus, groß genug, um Zweifel zu unterbinden. Der Schatten führte zwei Pistolen mit sich, Johenn sah es und krümmte gleichzeitig den Zeigefinger, so schnell wie nur möglich. Die alte Panik wollte ihn verschlingen, als die ersten beiden Kugeln vorbei flogen, doch bereits der dritte Schuß traf ins Gesicht. Er bemerkte es erst, nachdem er vier weitere Kugeln in den fallenden Leib gefeuert hatte. Vorbei an dem Toten umkurvte er die Türzarge und nahm einen weiteren Attentäter ins Visier. Und hielt erschreckt inne.

Ein wahrer Alptraum offenbarte sich ihm. Dieser Kerl wollte nicht kämpfen, er bediente sich der uralten Methode der Geiselnahme. Zwischen der Tafel und dem in der Ecke stehenden Skelett lehnte er an der Wand, eine riesige Desert Eagle auf den Kopf eines Mädchens gerichtet. Er kannte sie, Aylin, die türkische Freundin seiner Tochter. Aylin befand sich in einer Art Schreckstarre, alle Glieder steif und unbeweglich, die Augen weit aufgerissen, flacher Atem, kalkweißes Gesicht. Der Attentäter das genaue Gegenteil, hyperaktiv, extrem nervös und aggressiv. Er schrie ihn an, laut und unbeherrscht, wodurch reichlich Speichel auf seine Geisel gespuckt wurde. Johenn verstand ihn nicht, konnte noch nicht einmal bestimmen, um welche Sprache es sich handelte. Der Kerl hörte einfach nicht auf zu schreien, bewegte sich aber auch nicht weg. Ein perfektes Patt. Johenn ging einen Schritt zurück und begann konzentriert langsam ein und auszuatmen. Er mußte von seinem Berserker-Trip herunter und ein paar klare Gedanken fassen. Zum ersten Mal fand die Frage Platz in seinen Gedanken, was diese Typen eigentlich für eine Sorte Attentäter waren. Sie sahen aus wie Islamisten, doch dafür gingen sie zu planlos vor. Vor allem hielt der übliche Islam-Terrorist einen Plan B in der Hinterhand, eine Bombe, Handgranaten, Gift, irgend etwas. Diese Sorte Angreifer war darauf vorbereitet zu sterben. Keinesfalls würden sie sich ihren Ausweg freizupressen versuchen wie dieser Typ da. Johenn musterte seinen Gegenspieler eine Sekunde lang. Der Vollbart schien gut gepflegt zu sein, ebenso wie der ganze Mann, ein kleines Bäuchlein wölbte sich unter dem Militärhemd hervor. Überhaupt, das Hemd, jetzt fiel ihm auf, was damit nicht stimmte. Es war bedruckt, nicht bemalt. Die arabischen Zeichen waren Bestandteil des Hemdes, ein Großserienprodukt. Johenn hob den Blick und erinnerte sich wieder an die grundlegenden Lektionen in Gefechtsfeld-Taktik. Stillstand bedeutet Niederlage. Keine Pause für den Feind, in den Pausen kann er sich was ausdenken, auf das du nicht kommst. Regel Nummer eins: Die Initiative behalten.

Johenn durchlebte eine weitere schreckliche Sekunde auf der Suche nach einem Plan. Natürlich konnte er einfach schießen und das Beste hoffen. Oder ein Schwein sein und den Kerl durch Aylin hindurch erschießen. Beides schied aus. Er konnte es nicht, weil es sich wieder einmal sehr plastisch ausmalen konnte, wie ein Fehlschlag aussehen würde. Der zerplatzende Kopf der Schülerin, ein letztes Triumph-Geheul des Attentäters. Unmöglich.

In diesem Moment erinnerte er sich an einen Comic-Helden aus seiner Jugend. Ja, das könnte klappen. Jetzt wußte er, warum er den Trommelrevolver mitgenommen hatte. Ein Trommelrevolver eignete sich für einen langwierigen Häuserkampf überhaupt nicht, für das Folgende dagegen schon.

Johenn atmete durch und… lächelte. Die Glock wechselte in die linke Hand und mit der rechten zog er den Trommelrevolver heraus. Der Attentäter verstummte augenblicklich, blieb hypernervös, beobachtete aber aufmerksam, welchen Taschenspielertrick sein Feind wohl versuchen würde. Johenn senkte den linken Arm und ließ die Waffe fallen. Auf einer zweiten Denkebene betete er inständig um das Glück, den wirklich letzten Attentäter vor sich zu haben. Gleichzeitig bewegte er den ausgestreckten rechten Arm zur Seite, bis der Revolver rechtwinklig zum Attentäter an die Seitenwand zeigte. Dann kam der Zaubertrick. Johenn löste den Klammergriff um die Waffe und ließ sie um den Zeigefinger rotieren, ballte die anderen drei Finger zur Faust. Der Revolver hing nutzlos am Zeigefinger. Der Attentäter schaute eine subjektiv unglaublich lange Zeit, bis er schließlich den Mund aufmachte. Immer noch gehetzt und mit hoher Stimme, aber immerhin in verständlichem Deutsch haspelte er ein »Ich werde jetzt gehen!« herunter und richtete sich an der Wand auf, seine Geisel fester in den Griff nehmend. Das konnte Johenn nicht zulassen.

»Wen willst du lieber töten? Ein islamisches Mädchen oder einen gottlosen Deutschen?«

Der Mann schnaubte wild.

»Ihr seid alle Gottlose. Eine Hure, die in einem sündhaften Land auf eine christliche Schule geht, um die wahre Sünde zu lernen. Eine Frau zählt nichts, eine ungläubige Frau zählt noch viel weniger.«

Der Attentäter wollte den ersten Schritt machen und tatsächlich mit seiner Geisel verschwinden. Johenn hatte genug Filme gesehen um zu wissen, wie die Veranstaltung enden würde. In der Tür würde der Kerl das Mädchen töten und anschließend auf ihn schießen. Anders funktionierte eine derartige Flucht nicht. Er mußte ihn provozieren. Womit konnte man einen Araber provozieren?

»Nim'as li, miflezet.«

Der Kerl hörte unvermittelt auf zu atmen, seine Augen wurden riesig und in beeindruckendem Tempo färbte sich der trotz Bart sichtbare Teil des Gesichtes tiefrot.

»Wer bist du?«

Es war soweit. Johenn spannte sich, konzentrierte sich mit allem, was er noch aufzubieten vermochte, auf die Eagle, achtete nicht auf den Rest des Kerls, während er die Antwort gab. Sein Kontrahent verstand hebräisch. Ein Araber, der hebräisch verstand, würde auch die folgenden Worte korrekt einordnen können. Und hoffentlich total ausflippen.

»Hal-Lischka le-Kischrej Mada.«

Er tat es. Wie erhofft vergeudete der Attentäter wertvolle Zeit, indem er seine nächste Handlung mit einem Schrei ankündigte. Erst danach kam Bewegung in die Desert Eagle. Es mußte eigentlich gegen das Ehrgefühl jedes arabischen Attentäters verstoßen, sich mit einer Waffe auszurüsten, die in Israel entwickelt worden war. Wirklich tragisch wurde für ihn die Unkenntnis über im echten Kampf auftretenden Tücken dieser Waffe. In Hollywood-Filmen war es die bevorzugte Waffe der Helden, weil sie groß und furcheinflößend daherkam. Im richtigen Leben war die Eagle nichts weiter als eine Sportpistole, zu groß und vor allem zu schwer für einen ernsthaften Gebrauch. Das merkte der Attentäter, als er versuchte, die Eagle so schnell wie möglich auf Johenn zu richten. Die riesige Pistole zeigte hierbei eine erschreckende Trägheit. Diese Trägheit ermöglichte Johenn erst seinen Taschenspielertrick, der eine ganze Sekunde beanspruchte. Ruckartig öffnete er seine Faust. Die drei Finger prallten mit großer Wucht auf den herabhängenden Revolver und übertrugen ihr Bewegungsmoment auf die Waffe. Sie rotierte schnell um den Zeigefinger und wurde von den nun ausgestreckten Fingern aufgehalten, genau in der richtigen Position. Gleichzeitig riß Johenn den Arm auf den Attentäter zu. Dann bewilligte er sich eine halbe Sekunde für sorgfältiges Zielen. Der Attentäter war auch in der letzten Aktion seines Lebens hyperaktiv, aggressiv und dumm. Er sah den Revolver plötzlich vor seinem Gesicht auftauchen und schoss einfach, obwohl sich die Eagle noch mitten in der Schwenkbewegung befand. Ein donnernder Schuß löste sich, die Kugel pfiff einige Zentimeter an Johenns rechtem Ohr vorbei. Zu früh, zu hoch. Da die Eagle schwer war und einen enormen Rückstoß aufwies, bestrafte sie den Schützen für den Fehler, einhändig geschossen zu haben. Die Waffe ruckte weit nach oben aus dem Ziel und zerrte dabei die Bänder des Handgelenkes. Bevor der Attentäter nochmals würde schießen können, mußte er die Geisel loslassen, weil er nun die zweite Hand benötigte.

Mit derlei Feinheiten wollte sich Johenn nicht abgeben. Er zielte auf den Kopf seines Kontrahenten und zog bedächtig durch. Ein erstaunlich dunkler und lauter Knall malträtierte seine Ohren, das Ergebnis ließ nichts zu wünschen übrig. Der Hinterkopf des Attentäters explodierte und der Kerl fiel einfach gegen die Wand und rutschte zu Boden. Dabei nahm er Aylin mit, unverletzt, aber immer noch starr vor Angst ließ sie es willenlos geschehen.

Die Last fiel von ihm ab, Johenn ließ den Revolver sinken. Kleine Sternchen tanzten vor seinen Augen, die Erschöpfung sprang ihn an wie ein wildes Tier.

Melissa. Der Grund für all das. Er ließ Aylin liegen, wo sie lag und drehte sich um. Eigentlich mußte seine Tochter in diesem Klassenraum sein. Er sah sich konzentriert um, ging strikt eine Bank nach der anderen durch. Er sah Leichen und Verletzte, auch Überlebende. Mehrere Überlebende hatten das Schauspiel verfolgt, alle stumm und von rasender Angst gelähmt.

Dann folgte eine weitere Sekunde in Johenns Leben, so niederschmetternd und Herz zerreißend wie keine zuvor. Er sah Melissa, wollte es nicht glauben und während ihm der Revolver aus der Hand glitt kam die Gewißheit über ihn. Ansatzlos rutschte er in das wohltuende Nichts eines vollständigen Nervenzusammenbruchs.

 

 

 

 

 

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