Der Krimimann

Homepage des Autors Thomas Pfanner


Der Deutsche Krimi-Autor

 

Ein Aufschrei in zagender Zeit

 

 

 

Für den heute in relativer Freiheit und Unbekümmertheit lebenden Menschen ist es schier unvorstellbar, daß sich das deutsche Volk in den tausend Jahren vor 1945 durchgehend unter der Knute von Despoten befunden hat, in so vollständiger Unfreiheit, daß nicht nur das Eigentum des einfachen Mannes, sondern auch die körperliche Unversehrtheit jederzeit in akuter Gefahr schwebte. Man lebte in ständigem Unfrieden mit Nachbarn, ob nun mit dem nächsten Dorf wegen Wasserrechten oder dem nächsten Land wegen purer Boshaftigkeit, wurde in allen Belangen kontrolliert von einer Kirche, die gottgefälliges Leben ohne eigenständiges Denken sicherzustellen hatte, und drangsaliert von einem Landesherren, der genauso bildungs- und ahnungslos war wie seine Untertanen, aber das Monopol auf Waffenbesitz pflegte. Der Unterschied zwischen Sklaven und Bürgern war ein denkbar geringer angesichts der Not, die Kirchen- und andere Fürsten mit ihrer Sucht nach Pracht und Reichtum über das gemeine Volk brachten. Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, wurde für das Volk als verzichtbar angesehen, ansonsten hätte es ja mehr als eine Meinung rezipieren können, was doch als ziemlich unziemlich angesehen wurde.

In dieser elenden und nicht enden wollenden Zeit wurden die heute gültigen Ideale  - Freiheit, Demokratie, Bildung, Rechtsstaatlichkeit, ethisch passables Verhalten - nur von ein paar Menschen hochgehalten, diskutiert, weiterentwickelt und notfalls mit dem eigenen Leben verteidigt: den Schriftstellern. Wortgewaltige Literaten, deren beste Köpfe noch heute bekannt sind, von denen viele früh starben und noch mehr vergessen wurden, pflanzten Gedanken in die Köpfe ihrer Mitmenschen, die mit der Zeit Früchte trugen.

Klar wurde jedenfalls das Eine: Der Schriftsteller ist der einzige Widerstand gegen einen Mächtigen, sein Wirken ist nicht faßbar und kann doch unversehens gefährlich werden. Insofern wundert es nicht, daß alle Diktatoren dieser Welt freigeistige Literaten gnadenlos verfolgen und die Zunft der Schreibenden mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht wird, um sie vollständig zu kontrollieren.

 

In jüngster Zeit nun treten einige Erscheinungen der dunklen Jahre wieder verstärkt an die Oberfläche; Bildung und Interesse lassen nach, die öffentlichen Medien arbeiten ganz offensichtlich an dem Projekt „Volksverdummung“, und die so mühsam erkämpfte Freiheit wird ganz unauffällig immer weiter eingeschränkt, kritische Stimmen planmäßig diskreditiert und als störend gebrandmarkt. Gerade die linken Intellektuellen scheinen den monumentalen Sinnspruch ihres Vorbildes George Orwell vergessen zu haben:

 

Wenn Freiheit irgendetwas bedeutet, dann bedeutet es das Recht, den Leuten Dinge zu sagen, die sie nicht hören wollen.

 

In jüngster Zeit wendet sich das Publikum zudem, mal aus Verzweiflung, mal aus Langeweile, einem Subgenre der schreibenden Zunft zu, dem in diesen schwierigen Zeiten somit eine besondere Bedeutung zufällt.

Kriminalromane haben in der Gunst des Lesers alles hinter sich gelassen. Lehrreiche historische Stoffe wie etwa Golo Manns „Wallenstein“ werden ob des anstrengenden Satzbaus als enorm mühselig zu lesen und noch mühseliger zu verstehen gemieden, politisch motivierte Texte als unpassend abgelehnt.

Der eigentliche Boom findet auf dem Gebiet der Fantasy-Literatur statt, eine moderne Variante des Märchens, nur ohne Moral von der Geschicht´. Da halten sich manche zu gute, mit dem lesen von Krimis wenigstens ein bißchen Realitätssinn zu bewahren. In diesem Zusammenhang stellt sich damit die Frage, welchen gesellschaftlichen, politischen und moralischen Stellenwert der deutsche Krimi-Autor einnimmt, einzunehmen bereit ist, einzunehmen in der Lage ist. Oder anders: Ist der heutige Krimi-Autor fachlich und menschlich in der Lage, in der gleichen Weise wie seine historischen Vorgänger Einfluß auf die Gesellschaft zu nehmen, indem er Werte vermittelt und die in langen Kämpfen erreichten Fortschritte in Kultur und Politik zu verteidigen trachtet?

 

 

Der Autor als Mensch

 

Heute wie damals zeichneten sich die besten Schriftsteller durch eine unbedingte Liebe zum Schreiben aus. Es sind die Süchtigen unter uns, die sich sozial abkapseln, im wahren Leben schlecht zurecht kommen und zu Ehe oder Kindererziehung schlicht untauglich sind, weil sie unentwegt, tags wie nachts, nur an ihre Leidenschaft denken. Sie grübeln unentwegt über ihrem Text, träumen von ihm, wachen auf und schreiben nieder, was an neuen Ideen noch im Gedächtnis verblieben ist. Fahren sie Fahrrad, so schweift die Aufmerksamkeit ab und keine drei Kilometer weiter folgt unweigerlich der Unfall. Die von der Umwelt empfundene geistige Abwesenheit ist kennzeichnend für diese Spezies.

Heutzutage trifft man auf jeder Party irgendeinen Hanswurst, der in herablassender Weise kundtut, daß er demnächst auch mal einen Roman schreiben wird, „wenn ich mal ein wenig Zeit habe“. Zu unser aller Glück handelt es sich in aller Regel um einen Schwätzer, der wichtigtuerisch den Mädels beibringen möchte, er hätte die Fähigkeit zum großartigen Denker und Dichter, aber er ist ja sooo beschäftigt. Tut man sich die Qual an und fragt nach, so kommen etwa achtzig Prozent dieser Leute mit der Neuigkeit raus, bei ihrem Vorhaben an die Erstellung eines Kriminalromans zu denken. Die restlichen zwanzig Prozent möchten gerne ihre unglaublich interessante Lebensgeschichte zum besten geben. An ein Werk von geschichtlichem Wert denken genau null Prozent.

Soweit könnte ein unbedarfter Betrachter auf die Idee kommen, der Krimiautor aus deutschen Landen sei einfachen Gemütes, wisse jedoch um seine intellektuellen Beschränkungen und belasse es folgerichtig beim Schwingen von hochmütigen Reden. Fast richtig. Gäbe es da nicht diejenigen, die tatsächlich einen Krimi schreiben. Nur, oh Unglück, betrachten sie das verfassen von Krimis als ihr „Hobby“ und offenbaren damit den festen Willen, ein Amateur bleiben zu wollen. Ernsthafte Auseinandersetzung mit der Schriftstellerei ist damit natürlich nicht zu erwarten. Man stelle sich vor, Grass oder Böll würden erklären, sie würden nur so zum Spaß schreiben; weil schreiben mehr Spaß macht als Briefmarken zu sammeln. Unfaßbar! Soll was Ernsthaftes rauskommen, muß man sich auch ernsthaft damit auseinandersetzen. Selbst die Vollzeit-Schreiber bringen es in deutschen Landen nur auf einen Krimi in 18 Monaten. Ein Steven King kann da nur lachen. Die Vermutung liegt nahe, daß der Vollzeit-Schreiber in Wirklichkeit nur ein Vollzeit-Arbeitsloser ist, der sein Hobby weiter nebenher laufen läßt. Wie auch immer.

 

Jährlich gelingt ein paar Dutzend Bürgern mit deutschem Paß das Kunststück, ihren Erstling zu veröffentlichen. Kunststück deswegen, weil der „Fulli-töng“ (Krimi-Autoren hassen schlechte Rezensionen, noch mehr hassen sie es aber, vom Feuilleton gar nicht rezensiert zu werden, und wehren sich mit herablassenden Verballhornungen.) seit Jahrzehnten den Krimi aus deutschen Landen mit Mißachtung straft, während er Krimis aus dem Ausland, besonders aus Schweden, England und USA teilweise überschwenglich lobpreist. Da Verkaufszahlen direkt von Rezensionen – nicht so sehr vom Inhalt der Rezension, mehr durch die damit verbundene schiere Erweiterung des Bekanntheitsgrades – abhängen, reagieren Verlage folgerichtig mit einer Verknappung der Veröffentlichungsmöglichkeiten für einheimische Autoren. Wohlgemerkt, nur im Genre Kriminalliteratur und nur bei großen Verlagen.

Die oft zitierten „Kleinverlage“ entpuppen sich regelmäßig als Selbstverwirklichungs-Veranstaltungen gescheiterter Autoren, die noch ein paar andere Krimi-Existenzen mit ins untergehende Boot ziehen. Es wundert nicht, von den etwa 80 neuen deutschsprachigen Erstveröffentlichungen fast alle bei diesen Kleinverlagen zu finden, wo sie weder vom breiten noch von sonst einem Publikum wahrgenommen werden. Auch die wenigen Veröffentlichungen in den sogenannten Publikumsverlagen haben im Grunde gar kein Publikum, außer ein paar Kumpels bei befreundeten Internet-Blogs und Lokalzeitungen, die gelegentlich eine offenkundig aus Gefälligkeit verfaßte Lobhudelei raushauen. Das alles ficht den munteren Autor nicht an, im Gegenteil. Er zieht allein aus der Tatsache, veröffentlicht zu werden, diverse Erkenntnisse, die sein Selbstbewußtsein ins Riesenhafte wachsen lassen. Man erfreut sich an der Abgrenzung zu dem elenden Pack, dem keine Veröffentlichung gelingen will. Ein Tritt nach unten stärkt das Ego doch gleich viel besser als ein sehnsüchtiger Blick nach oben. Doch wer sind diese Leute, diese Krimi-Autoren?

In erster Linie ganz normale Menschen. In früheren Zeiten (sowohl historisch als auch persönlich, also die Zeit vor der Veröffentlichung) wären es Leute gewesen mit ganz normalen Berufen, Handwerker vielleicht, Busfahrer, rasender Reporter oder mittelmäßiger Informant des Geheimdienstes. In heutiger Zeit hat der Autor jedoch Abitur, ein soziales Netzwerk im Rücken, einen lauen Job mit viel Freizeit, und so er hat eben einen Krimi geschrieben, weil zum Lebensplan eine innere Verwandtschaft zu den literarischen Größen des Landes dazugehört.

Nun fühlt sich der deutsche Autor für ordinäre Tätigkeiten, wie sie gewöhnliche Menschen tagtäglich verrichten müssen, unumkehrbar für alle Zeiten überqualifiziert. Er ist durch sein Werk zu etwas Besserem geworden und das bleibt er auch, selbst, wenn er sein ganzes weiteres unerfreuliches Leben lang kein einziges weiteres Buch herausgebracht haben sollte. Im Geiste sind diese Autoren den Unveröffentlichten nämlich gleich geblieben, auch sie denken: ich könnte mehr herausbringen, wenn ich mal Zeit und Lust habe.

 

Hochmut zeichnet viele dieser Autoren aus, Überheblichkeit und die völlige Abwesenheit von Selbstkritik. Digitales denken beherrscht die Szene, entweder Haß oder Liebe, im Leben wie in den platten und vorhersehbaren Machwerken, in denen persönliche Feinde als Mordopfer herhalten müssen. Und gehaßt wird mit wahrer Inbrunst und ohne irgendwelche Abstufungen stets voller Kraft. Straßenkämpfer am Notebook gewissenmaßen. Als Beispiel mag der Herausgeber lieblos zusammengesuchter Krimi-Kurzgeschichten gelten, der auf der Homepage eines gehaßten Konkurrenten (Konkurrenten werden immer gehasst, sofern man nicht zufällig befreundet ist) einen einzigen Rechtschreibfehler entdeckte. Heißa, da war der Tag gerettet. In zahlreichen emails berichtete er dem Häuflein der offiziell geliebten Kollegen von seiner Entdeckung und spreizte sich im Sonnenlicht seiner glorreichen Entdeckung, bewies sie doch, um wieviel weiter er selbst dem Olymp der unsterblichen Literatur-Genies nahe gekommen schien.

Niemand klärte ihn auf, niemand brachte ihm schonend bei, daß er die anderen sechs Fehler ohne seine litauische Lektorin niemals finden würde. Bis heute hat er nicht begriffen, daß ein Autor in erster Linie den Inhalt seines Werkes zu verantworten hat. Wäre es anders, gäbe es schon lange keine Lektoren und Korrektoren mehr. Darum geht es wohl nicht. Krimi-Autoren stoßen gerne Menschen von Podesten, weil sie meinen, der Platz stünde ausschließlich ihnen zu. Gelingt der Kraftakt bei einem Kollegen, so schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Unglücklicherweise bemerkt die uninteressierte Kundschaft – der Leser – von derartigen Geniestreichen rein gar nichts, was wiederum der übereifrige Autor nicht bemerkt.

 

 

Die Themen der Autoren

 

Da existiert ein großer Unterschied zu den alten Zeiten und den Meistern heutiger Tage. Wir wissen alle, daß Literaten ihre Werke üblicherweise als Speerspitze der Zivilisation sehen, die Gesellschaft weiterbringen wollen, ihr zumindest den Spiegel vorhalten. Bei Krimi-Autoren sieht es eher so aus, als würde der Autor in den Spiegel schauen und sodann von sich selbst schreiben. Da gibt es Autoren, die ihren Protagonisten (also ihr alter ego) auf Sauf- und Vögeltour schicken, sich philosophisch (oder was sie dafür halten) in diesbezüglichen Phantasien verlieren und die normale Welt gar nicht mehr wahrnehmen. Kein Wunder, daß von einem eigentlichen Plot nicht die Rede sein kann, von Spannung gar zu spotten. Weiter vagabundiert der Typus der hinterhältigen, aber feigen Ratte durchs Autorenlager, der über harmlose, überaus biedere Protagonisten schreibt, die in Wahrheit zu den grausigsten Verbrechen fähig sind. Diese Autoren erfreuen uns. Aufgrund ihrer den Amokläufern verwandten Charakterstruktur ist es für uns alle am sichersten, daß sie ihre gehemmten Triebe auf diese Weise kanalisieren. Klassenkämpfer auch hier, nach den Krimis zu urteilen gibt es in Deutschland mehr mordendes Nazi-Pack als Verkehrstote in den USA. Einfaltsreichtum ist das, was in den anderen Ländern zählt. Im Lager der Frauen findet sich so manche überzivilisierte Amazone, die Männer aus grundsätzlichen Erwägungen heraus verabscheut und dafür weibliche Wuchtbrummen, ob als Katze oder homo sapiens, in den Himmel hebt. Neben dem ermüdenden salbadern über Umstände und Wohnorte nervt auch hier der nicht vorhandene Sinn des Ganzen.

Der Typus des abgewrackten Reporters, der nüchtern beschreibt, was selbst besoffen niemanden interessiert, immerhin sein gewisses Talent zur Dramatik beweist, wirkt in diesem Mutantenstadt schon wie ein Lichtblick. Unter den Blinden ist eben der Einäugige König.

Insgesamt betrachtet scheint der ganzen Szene die Fähigkeit zu fehlen, über den eigenen Horizont hinaus zu blicken.

(Achtung – Definition!  Horizont: Das ist bei Krimi-Autoren der Abstand zwischen Kopf und Brett.)

Stets und gelegentlich von missionarischem Eifer befeuert versucht der deutsche Krimi-Autor, uns seine persönlichen Ansichten und seine Lebensweise nahe zu bringen, verpackt in einen mehr oder weniger dumpfen Plot.

Auffallend häufig outet er sich als Konservativer, eine Spezies, die es praktisch nie zu literarischen Großtaten bringt, in Krimis immerhin eine Menge Leute aus dem anderen Lager mehr oder weniger umstandslos um die Ecke bringen kann.  

Die wirklich drängenden Fragen werden nicht bearbeitet: Die mutmaßliche oder tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Islam: zu gefährlich. Migranten als Täter, Deutsche als Opfer: Sarazin-Alarm. EU-Erweiterung: kein Thema. Rechtschreibreform: alle machen begeistert mit. Justiz-Skandale, Affären großer Konzerne, das Elend in Erziehung und Bildung: nie gehört.

Die wirklich großen Themen dienen allenfalls als Kulisse, um, wie gesagt, das eigene, höchst überschaubare Weltbild des infantilen Schrebergarten-Biographen zu transportieren. Immerhin kann, wer mag, auch hierin etwas Positives sehen, halten sich die Zwergen-Literaten doch an den Ratschlag eines bekannten Comedian: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten. Wer weiß, was uns so erspart bleibt?

 

 

 

Das Problem mit der Auswahl der Autoren

 

 

Krimis sind die Butter-und-Brot-Ware der Verlage. Eine enorme Anzahl an Titeln rauscht am Konsumenten vorbei, alle halbe Jahre folgt ein neuer Schwall Neuerscheinungen. Was nach einem Jahr nicht verkauft wurde, wandert auf den Wühltisch. Insofern ist den Verlagen daran gelegen, die Auflage sehr schnell abzuverkaufen. Die neuen Titel werden die alten binnen Monaten verdrängen. Kostspielige Marketingmaßnahmen lohnen da kaum, außer, es handelt sich um einen zugkräftigen Namen. Und so wundert es den peniblen Rechercheur kaum, unter den Krimi-Autoren fast ausschließlich Angehörige der Medienlandschaft zu finden. Das fängt bei A-Promis an, die kraft ihres Namens für ordentliche Verkaufszahlen sorgen, geht bei B-Promis weiter, die schon auf eine begleitende Schlagzeile angewiesen sind, und hört bei abgetretenen Journalisten noch nicht auf. Als besonders peinlich empfand ich vor einigen Jahren die Lobpreisung eines Krimis durch eine Radio-Moderatorin, die erst ganz zum Schluß leicht verschämt anmerkte, das Buch sei von einem ihrer Kollegen geschrieben worden. Peinlich oder nicht, so funktioniert das eben. In der Flut der Krimis wird von Rezensenten nur noch der bereits irgendwie bekannte Autor wahrgenommen und besprochen, und sei es der Kerl, mit dem man bei der letzten Medien-Preisverleihung gesoffen hat. Die Bekanntheit des Autors entscheidet über das Maß der Öffentlichkeit und damit über die Auflage. Autoren außerhalb des Medienbetriebs haben so fast keine Chance auf Veröffentlichung, weil in diesem System des geplanten Erfolges mittels Bekanntheitsgrad die eigentliche Qualität des Werkes kaum eine Rolle spielt. Und da wundert es dann doch nicht mehr, weshalb der Leser immer mehr zu internationalen Autoren greift.

 

 

Der deutsche Vereinsmeier

 

Eine besonders unappetitliche Erscheinung ist die Neigung deutscher Autoren, sich einfach so zusammenzuschließen. Das Ergebnis ist das so genannte Syndikat. Der Name ist nicht einfach nur grandios uninspiriert, sondern auf eine ungewollte Weise emblematisch.  

Im Syndikat sind zwei Sorten Autoren organisiert: Eine breite Masse von Autoren, die einmal in ihrem Leben einen Krimi veröffentlicht haben, der aber praktisch kein Geld einbrachte. Für diese Klientel besteht der Hauptgrund zur Mitgliedschaft in der Möglichkeit, einmal im Jahr bei einer vom Syndikat organisierten Lesung etwas Geld und Zuspruch zu erhalten. Für sie ist der Laden eine Geldvermehrungsmaschine, da das Honorar den Mitgliedsbeitrag übersteigt.

Daneben gibt es noch das gute Dutzend Autoren, die das Syndikat gekapert haben und als Privatbesitz betrachten. Wie in der wirklichen Welt bilden sie eine Oligarchie, die sich gegenseitig loben, zu Lesungen einladen und zu Verlagen lotsen. Abwechselnd nehmen sie die Vorstandspositionen ein, wirken ansonsten als graue Eminenz, oder, moderner: als Meinungsführer.

Eine echte Außenwirkung hat das Syndikat nicht, jedenfalls nicht für Autoren, die nicht zur Oligarchie gehören.

 

Aber das alles sind nur Petitessen, denn zu beklagen gilt in erster Linie die Geisteshaltung der Syndikatler. Völlig im Verborgenen wuchert hier nach meiner Meinung eine stramm rechte Gesinnung. Lustigerweise arbeiten die Oligarchen mit ahnungslosen Linken in Presse, Verlagen und sonstigen Medien zusammen. Oder ist denen doch aufgefallen, dass alle bedeutenden Autoren mit Migrationshintergrund entweder nicht Mitglied sind, oder ganz schnell wieder ausgetreten sind?

 

Das in dem der Öffentlichkeit praktisch nicht bekannten Autoren-Selbstlob-Verein „Syndikat“ in auffälliger Weise besonders viele stramm konservative Autoren (nennen wir es mal so, ich hasse es, ständig die Nazi-Keule rauszuholen) Mitglied sind, und das man in der Vergangenheit dortselbst keine Möglichkeit sah, einen erklärten Neonazi (jetzt tue ich es doch; für die gute Sache) zu entfernen, mag womöglich eine Petitesse sein. Vielleicht paßt es aber doch zusammen, daß fast ausschließlich „Volksdeutsche“ Mitglied sind. So weit ich weiß, hat man noch keinen einzigen „Ausländer mit Migrationshintergrund“ aufgenommen, einen Moslem schon mal gar nicht. Man bleibt wohl lieber unter sich, ganz besonders im stramm deutschen Führungszirkel.

Es wundert nicht, wenn oft die Eintönigkeit in deutschen Krimis beklagt wird. Die Beschränktheit bei der Auswahl der Mitglieder steht offenbar in direktem Verhältnis zur Beschränktheit der Machwerke. Andererseits, wer soll die Regionalkrimis schreiben, wenn nicht die regional aufgewachsenen Urdeutschen, die auf sieben rein arische Generationen zurückblicken können? Manch einer schmückt sich der Tarnung wegen mit einem ausländischen Pseudonym, was dem Inhalt der Bücher jedoch nicht wirklich auf die Füße hilft. Womöglich aber der Auflage. Bisher hat noch keiner, den ich außerhalb der Eifel befragte, gewußt, daß diejenigen Autoren, die sich eines ausländisch klingenden Pseudonyms befleißigen, gar keine Ausländer sind. Könnte ein weiterer Beleg für die grauenhaften Versäumnisse im Bildungsbereich sein. Den gleichen Versäumnissen verdanken wir auch unsere Krimi-Autoren.

 

Das Syndikat ist eine urdeutsche Suppe, in die jeder deutsche Krimi-Autor hinein will. Organisatorische Uniformität überdeckt geistige Windstille.

 

Und wenn mal einer Widerworte gibt, dann ist er ganz schnell draußen, dann wird er ausgeschlossen aus dem blonden Germanen-Zirkel selbstgewisser völkischer Einmaligkeit.

Wenn der Falsche sich für den Vorstandsposten bewirbt, sagen wir mal, mit ungarisch-jüdischen Wurzeln, so wird er ausgeschlossen mit der Begründung, er hätte die Ehre des Syndikats beschmutzt. Das es bei der Abstimmung keine Gegenstimmen gab, richt nach Ein Reich- Ein Volk etc.

Ein anderer missliebiger Fragensteller wurde ausgeschlossen mit dem Argument, er habe eine Lesung abgesagt und damit dem Syndikat geschadet.

 

Da passt es doch, dass dieses Syndikat gar kein Verein ist, sondern nur eine Vereinigung, was die Rechtsmittel der Geschassten so ziemlich auf Null bringt. Ein „Reichsführer Kriminalroman“ hätte das nicht besser organisieren können.

Als Hilfsorganisation zur Stärkung der Krimiliteratur und seiner Autoren taugt das Syndikat überhaupt nicht, da es für ein paar Netzwerker ohne echte literarische Fähigkeiten als Selbstbedienungsladen mißbraucht wird. Mobbing, übliche Nachrede und völkisches denken vertreiben den Protagonisten die Zeit.

 

 

Fazit

 

 

Was also hat Deutschland von seinen Krimi-Autoren? Sind sie wertvoll oder wichtig für unsere Gesellschaft, zur Lösung oder zur Erkennung unserer Probleme evident? Gehören sie zur Avantgarde der Sprache, des Stils, der Kultur? Hat der Leser etwas von den Krimis, außer einem Ersatz für starke Schlafmittel?

Lassen Sie es mich so formulieren: Triviale Menschen behandeln triviale Themen auf triviale Weise. Ganz normale Menschen schreiben profanen Quark und sind stolz darauf. Die Kriminal-Literatur ist zum Asyl der Armen und Elenden geworden, zur Reha für trocken gelegte Alkoholiker, am Abgrund lavierende Misanthropen, kleingeistige Rache-Geier und lebensuntüchtige Machtmenschen, die für jede andere Art der Machtausübung zu dämlich sind. Ihre Themen sind so provinziell wie die Handlungsorte, frei von Überraschungen, dafür gesättigt von den deutschen Anti-Tugenden: Rechthaberei, schlichtes Weltbild, Bigotterie, Angst vor der eigenen Courage.  Prädikat: Verzichtbar! Niemand braucht den deutschen Krimi-Autor. Ich tausche hundert von denen gegen einen neuen Brecht oder Böll.

 

 

P.S.:

Ich bin nicht nur Krimi-Autor, sondern schraibe auch Ratgeber und SF.  Und nein, ich halte mich nicht für den Größten. Nur für wandlungsfähig, wissbegierig und lernfähig.

Blöderweise gehe ich keinem Streit aus dem Weg, weshalb die Zahl meiner Freunde limitiert ist. Echte Autoren sind eben keine netten Menschen. Ich habe versucht, nett zu sein, ging aber nicht. Nun bin ich lieber ehrlich.

Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!